Das Unbekannte
21.Juli 2019

ist magisch. Das Unbekannte im Innen, im Selbst. Und das Unbekannte im Außen. Obwohl: kann nicht eigentlich nur das im Außen als unbekannt gelten, was einem auch im Inneren unbekannt ist?

Die schönste Kombination für mich: das Unbekannte und das Bewusste. Bewusst ins Unbekannte zu gehen. Das ist der Raum, wo ich durch meine Augen hinausblicke und nicht von Außen auf mich selbst hineinblicke. Wo der Moment wieder nur Moment ist und kein Kontext oder Narrativ ihn systematisiert. Wo die eigene Wesensnatur und die Grundmotive die Szene gestalten.

Wenn ich bewusst ins Unbekannte gehe, werde ich meist aus einem automatischen Impuls heraus ganz langsam: in Zeitlupe baue ich mein Instrument auf, gehe ich von A nach B. Den Buchstaben kann ich dabei zuschauen, wie sie zu meinen Worten werden. Ich fühle die Buchstaben dann auch körperlich, als Impuls, ich muss sie gar nicht mehr "machen". Es entsteht dann Gegenwart. 

Wenn ich ganz langsam bin, gibt es oft eine Aufweichung. Es gibt so Punkte am eigenen Körper, wo die Farbe des Selbst herauströpfelt und sich mit den Farben und Linien des Vordergrundes oder des Hintergrundes vermischt. Es gibt dann wirklich nicht mehr mich und die anderen. Es gibt einen Organismus. Es wird dann klar, dass es im Lebens nichts zu tun gibt, als so zu existieren, wie man ist.          

Menschen
Teil 1
04. November 2019

"Jedes Kind lernt in der Schule, dass Bewegung etwas Relatives ist und nur in Relation auf einen Bezugspunkt wahrgenommen werden kann. Was man dagegen leicht übersieht, ist, dass dasselbe Prinzip für alle Wahrnehmungen gilt und daher letzthin unser Erleben der äußeren Wirklichkeit bestimmt. Auf dem Gebiet der Hirn- und Wahrnehmungsforschung liegen schlüssige Beweise vor, dass nur Beziehungen und Beziehungsstrukturen wahrgenommen werden können. Wird z.B. durch eine komplizierte Vorrichtung die Bewegung der Augäpfel unmöglich gemacht, sodass dasselbe Bild längere Zeit vom selben Teil der Netzhaut empfangen wird, so ist eine klare visuelle Wahrnehmung nicht mehr möglich. In ähnlicher Weise kann bekanntlich ein anhaltender gleich bleibender Ton schließlich subjektiv unhörbar gemacht werden. Und wenn man die Beschaffenheit einer Oberfläche erforschen will, berührt man sie nicht einfach mit dem Finger, sondern bewegt den Finger auf ihr hin und her. Hielte man den Finger still, so wäre es schwierig, Rückschlüsse auf die Beschaffenheit der Fläche zu ziehen, von Temperaturwahrnehmungen abgesehen, die aber ihrerseits wieder ihre Ursache in dem Temperaturunterschied zwischen Oberfläche und Finger (also einer Relation) hätten. Die Reihe dieser Beispiele ließe sich beliebig fortsetzen, und alles würden darauf hinauslaufen, dass jede Wahrnehmung auf Bewegung, Abtasten oder Scanning beruht. Mit andere Worten, eine Beziehung wird hergestellt, dann über einen möglichst weiten Bereich geprüft, und von dieser Prüfung wird dann eine Abstraktion gewonnen, die unserer Ansicht nach dem mathematischen Begriff der Funktion analog ist. Nicht 'Dinge', sondern Funktionen machen demnach das Wesen unserer Wahrnehmungen aus; und Funktionen sind, wie wir gesehen haben, nicht isolierte Größenbegriffe, sonder 'Zeichen für einen Zusammenhang...für eine Unendlichkeit möglicher Lagen von gleichem Charakter... .' Wenn dem aber so ist, dann sollte uns nicht länger überraschen, dass auch die Selbsterfahrung des Menschen im Wesentlichen auf der Erfahrung von Funktionen beruht, von Beziehungen, in die er einbezogen ist, mag er diese Beziehungen rein subjektiv auch noch so sehr ihres Funktionscharakters entkleiden und verabsolutieren oder verdinglichen (...)."

 

aus: "Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien."

  (Paul Watzlawick, Janet H. Beavin, Don D. Jackson); S. 32-33          

Heute
Schneeregen
00:00 / 01:39
27. Februar 2020

bin ich durch den Park gegangen und plötzlich ist etwas vom Himmel gefallen. Also es war Regen und Schnee. Aber nicht klassischer „Schnee-Regen“. Nicht Schnee, der in den Händen wieder sofort zu Wasser wird. Nein. Sondern: Der ganze Niederschlag in meinem Blickfeld bestand stets für einige Sekunden ausnahmslos entweder aus Wassertropfen oder aus Schneekristallen. Es war skurril, wie ein Flimmerbild. In jedem Fall ist es mir so  noch nie untergekommen.

Ich habe mir dann gedacht: ha! Vielleicht bin oder möchte ich auch ein Wesen in einem solchen Zustand sein. Also von der einen auf die andere Sekunde die Form zulassen können, die gerade ist, zu der ich durch Wechselwirkung mit meinem Umfeld werde. Ich denke es ist nicht unbedingt immer wichtig, das eine oder das andere zu sein (dass die Zustände von Stabilität und Verflüssigung im Leben sowieso nur temporär sind, ist ohnehin klar). Das Gesetz, welches das Wasser zu Wasser macht und existieren lässt, drückt sich nicht über seinen Aggregatzustand aus: Dampf, Wasser, Eis. Es ist natürlich formal immer etwas anderes, kann sich durch seinen mehr oder weniger stabilen Zustand mit jeweils anderen Dingen verbinden. Aber der Übergang ist fließend (ha! Selten hat diese Metapher so wunderbar gepasst). Das Wasser reagiert auf seine Umwelt und zeigt alle Facetten von Verbindung mit anderem: das sich Auflösen in anderem, das sich Abgrenzen von anderem, das sich Vermischen mit anderem, das Durchdringen und sanft begrenzen. Aber: das Wasser verändert seinen Kern nicht. Ich glaube es interessiert mich darüber nachzudenken, was das Wasser in seinem inneren Zusammenhält. Also was das Wesen von Wasser ist. Ich glaube es inspiriert mich, mich in der Interaktion mit meiner Umwelt so zu verhalten, wie Wasser es tut.

Ich bin seit längerer Zeit...
16.März 2020

...von der Stimme fasziniert.

Es würde mich interessieren, die Stimme mehr so benützen, wie ein Tier und nicht mehr so sehr wie ein Mensch. Damit meine ich: mich interessiert die Stimme als reines Kommunikationsinstrument. Ich würde mir wünschen, sie möglichst frei als Selbstausdrucksorgan nutzen zu können und damit ein hohes Maß an reinigender Klarheit im Umgang mit den Menschen in meinem Umfeld erreichen zu können.
Ich nehme wahr, dass Sprachen in unserer Kultur vermehrt als Kunstform, auch als eine Art „Statussymbol“ und Leistungsbarometer verwendet - ich wage sogar den Ausdruck „missbraucht“- werden. Nur: Jemand, der Sprachen gut kann, kann noch lange nicht gut kommunizieren. Ich möchte eher so sein, wie ein Tier: es gibt vl. eine relativ einfach Sprache, was die Vielfalt der Symbolebenen, des „Vokabulars“ betrifft, aber alle non-verbalen Aspekte, der Klang, das Tempo, der Atem, die Art, wie ich meine Gedanken/Gefühle zu Stimmklang werden lasse, möchte ich so ausdifferenziert und authentisch wie möglich in mir entdecken und entwickeln.
Ich möchte deshalb ergründen: Was sind meine Intentionen beim Sprechen: was will ich über mich aussagen? Welche Ebenen sind vordergründig in meiner Sprache (Selbstoffenbarung, Sachebene, Beziehungsebene, Appell)? Steht das in einem guten Gleichgewicht? Bin ich mir meiner persönlichen Gewichtung bewusst? Wann will ich gehört werden, wann nicht? Manipuliere ich meine Stimme? Wie fühlt sich eine entspannte Stimme an? uvm.

 

Interessant finde ich auch: wenn ich mich mit meiner Stimme beschäftige, entdecke ich die sehr körperliche Dimension derselben. Das klingt  naheliegend, ist aber für mich ein weites, neues Land. Wenn ich auf meine Stimme achte, kann ich mich auch selber spüren. Ich fühle dann auch in gewisser Weise meine Schwingung, meinen "Vibe" als Mensch. Ich finde es interessant, jeden Tag diesen Vibe über die Stimme zu erfahren und zu beobachten. Ich finde es auch interessant, meine Stimme an verschiedenen Punkten meines Körpers zu spüren: im Bauch, in der Brust, an der Nasenspitze, in der Stirn usw. Ich finde es spannend, mit der eigenen Schwingung bewusst umzugehen und noch spannender wird es dann, wenn Menschen ins Spiel kommen. Ich probiere dann manchmal heimlich aus, wie ich meinen Vibe - mein Tempo, meinen Klang in Sprache, Gestik, Mimik ,Blicke - transportieren kann. Oder wie sich eine Umarmung anfühlt, wenn ich mir dabei vorstelle, zu "schwingen". Ich bin gespannt, was die anderen wohl davon mitbekommen. Es ist aber einfach auch schon sehr schön, es selber mitzubekommen.

Berlin 2018                                        credit: Olga Kuzminskaya

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